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Gasexplosion, und dann? Strassenkind
«Frage mich nicht nach meinem Leben!», so gab mir Jean* zur Antwort, als ich nachfragte, was nun wirklich geschehen war. Wieder einmal hatte er ganz kurz das Fenster seines Lebens aufgetan.
Doch nun war es wieder zu, noch viel zu stark nimmt ihn das Erlebte mit, auch wenn es nun schon fast zehn Jahre her sind seit dem Unfall. Als er ca. vier Jahre alt war, explodierte eine 35 Liter Gasflasche im Haus, in dem er wohnte. Durch dieses Ereignis ist seine linke Körperseite seitdem vom Gesicht bis zum Fuss stark vernarbt. Im Spital war er oft allein, da seine Mutter - die im Drogenhandel beschäftigt war - keine Zeit für ihn hatte. Im Bericht des Sozialamtes steht folgendes: «Beim Unfall legte sich Jean über seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Marco*; der Jüngere bekam daher von den Flammen praktisch nichts ab.» Wenige Jahre nach dem Unfall starb seine Mutter. Auch sein Vater verstarb schon sehr früh. Das waren nicht die einzigen aus seiner Familie. Wie viele Verwandte er schon verloren hat, weiss ich nicht; sicher ist, dass es einige sind. Nach dem Tod seiner Eltern kam er zu Onkel und Tante, wo es diverse Probleme gab. So begann der Junge mehr und mehr auf der Strasse zu leben, bis er schliesslich ganz von zu Hause weg blieb. Er durchlief mehrere Heime, landete jedoch immer wieder auf der Strasse. Als das letzte Projekt, in dem er war, im September 2009 seine Türen schloss, fragte die Sozialarbeiterin, ob wir von RECRIAR-BA den Jungen aufnehmen könnten. Seither wohnt Jean zusammen mit elf anderen Jungs in unserem Projekt.
RECRIAR-BA steht für Wiedereingliederung von Kindern und Teenagern aus Risikosituationen. Der Verein wurde 2005 von drei Brasilianerinnen und einem Schweizer ins Leben gerufen. Seit 2007 wohnen Jungs im Haus von RECRIAR-BA, das 16 Plätze anbietet. Geplant ist, dass es mit der Zeit vier Häuser gibt: zwei für 7 bis 13-jährige und zwei für 14 bis 20-jährige - je eins für Jungs und eins für Mädchen. Das Fundament der Arbeit ist das Evangelium von Jesus Christus. Durch Musik, Sport und Handwerk wird den Kindern und Teenagern die Möglichkeit geboten, das Leben neu zu gestalten. Je nachdem was wir für freiwillige Mitarbeiter haben, ändert sich auch das Kursangebot. Es werden diverse Musikkurse angeboten: Klavier-, Gitarren-, Flöten- und Gesangsunterricht. Beim Sport sind es Fussball, Schwimmen, Taekwondo , Theater, Basketball und ganz neu auch Unihockey. Die Handwerkskurse umfassen Kräuter-, Konditor-, Batik-T-Shirt- und Ziegenmilchseifen-Kurse sowie das Gestalten mit Holz. Die Arbeit wird neben den Hausverantwortlichen und dem Vorstand von einer Psychologin, vier Sozialpädagogen und einem Arbeitsagogen betreut. Zwei der Sozialpädagogen wohnen im Haus mit den Jungs. Zusätzlich tragen viele freiwillige Mitarbeiter zum Erfolg dieser Arbeit bei. Es ist aber nicht immer einfach, Leute zur Mitarbeit zu motivieren.
Eine grosse Herausforderung für mich ist es, als einziger Ausländer in diesem ausschliesslich aus Brasilianern bestehenden Team zu arbeiten. Einige der Leute haben noch nie mit Ausländern zusammengearbeitet. Mit viel Feingefühl geht es darum, herauszufinden, wie man Schwierigkeiten löst und Probleme angegangen werden können.
Eines meiner Sorgenkinder war Samuel*. Beim Kräuterkurs lag er oftmals nur auf dem Boden herum und machte nur mit Mühe das, was er sollte. Oft stellte er meine Geduld auf die Probe. Als ich während meines Heimaturlaubes im Projekt anrief, wollte Samuel ans Telefon. Er sagte nur so: «Die Bohnen sind reif geworden und ich habe die Samen aufgehoben, wie du gesagt hast. Die Tomaten wachsen, der Paprikastrauch hat Früchte gemacht, meine Blumen, die du mir gegeben hast, sind am blühen und ich giesse jeden Tag die Kräuter.» Was für eine Überraschung!
Was mich tief bewegt ist, wie Eliete, die Haupt-Initiantin von Recriar, auf Gott hört. So hat sie zum Beispiel ermöglicht, dass David* zu uns kommen konnte. Dass dieser Junge noch lebt, ist ein Wunder; die Einschüsse in seinem Bein hätten seinem Leben eigentlich ein Ende machen sollen.
Bitte helft uns, für die Jungs, ihre Vergangenheit und ihre Heilung zu beten. Dann brauchen wir Mitarbeiter auch immer wieder viel Weisheit und Geduld. Wir suchen für die Jungs Gebetseltern, die sich konkret verpflichten, für einen der Jungs zu beten. Wer sich dafür interessiert, kann sich gerne bei mir melden (tome@jesus.ch).
Gottes Segen
Thomas
*Name abgeändert




